Nordrhein-Westfalen ist beim Baumschutz das Bundesland, in dem sich am häufigsten Halbwahrheiten und veraltete Rechtsauskünfte in den Foren halten. Der Kern des Problems: Es gab bis 2007 ein Landschaftsgesetz Nordrhein-Westfalen (LG NRW) mit klaren Baumschutzregelungen. Dieses wurde 2016 abgelöst durch das Landesnaturschutzgesetz (LNatSchG NRW), und der Baumschutz im engeren Sinne wurde auf die kommunale Ebene verlagert. Das Ergebnis: 396 Städte und Gemeinden in NRW, gefühlt 300 verschiedene Regelungen. Wer in Düsseldorf, Köln oder Essen fällt, arbeitet in einem anderen Rechtsrahmen als der Nachbar in Solingen, Leverkusen oder Bonn. Und manche Städte ändern ihre Regeln: Münster etwa hat seit Oktober 2023 eine Baumschutzsatzung. Wo eine Kommune keine Satzung hat — der Landesrahmen greift dort trotzdem in engen Grenzen.

Was landesweit gilt: das LNatSchG NRW

Auch ohne kommunale Satzung sind bestimmte Baumbestände in NRW landesweit geschützt:

  • Alleen (§ 41 LNatSchG NRW): einseitig oder zweiseitig alleeartige Baumbestände von mindestens 100 m Länge, entlang von Wegen oder Straßen, sind grundsätzlich geschützt. Fällungen bedürfen der Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde.
  • Geschützte Landschaftsbestandteile (§ 29 BNatSchG in Verbindung mit LNatSchG NRW): Einzelbäume, Baumreihen oder Baumgruppen, die durch Verordnung oder Satzung der Unteren Naturschutzbehörde ausdrücklich unter Schutz gestellt wurden. Diese sind im Landschaftsplan verzeichnet und meist mit Naturdenkmal-Charakter.
  • Naturdenkmäler (§ 28 BNatSchG): Bäume mit besonderer wissenschaftlicher, naturgeschichtlicher oder landeskundlicher Bedeutung. Hier sind Fällungen faktisch ausgeschlossen.
  • Bäume in Landschafts- und Naturschutzgebieten (§ 26, § 23 BNatSchG): eigenständige Schutzregelungen aus dem jeweiligen Schutzgebiets-Erlass.
  • Vogelschutzzeit (§ 39 Absatz 5 BNatSchG): bundesweit, vom 1. März bis 30. September dürfen Bäume, Hecken und Gebüsche nicht abgeschnitten oder auf den Stock gesetzt werden.

Der allgemeine Baumschutz auf privaten Grundstücken ist jedoch nicht mehr landesrechtlich geregelt. Dort greift nur, was die jeweilige Kommune per Satzung entschieden hat.

Der Flickenteppich — vier Beispiele

Ein Vergleich der vier größten NRW-Städte zeigt, wie unterschiedlich die kommunalen Regelungen ausfallen:

Köln — ab 80 cm Stammumfang

Maßgeblich ist die Baumschutzsatzung vom 18. Juli 2023. Geschützt sind Laubbäume ab 80 cm Stammumfang und Nadelbäume ab 130 cm, gemessen in 1,00 m Höhe (setzt die Krone tiefer an, direkt darunter). Für mehrstämmige Bäume gelten eigene Werte: zwei Stämme mit je mindestens 40 cm (Laub) bzw. 65 cm (Nadel). Unabhängig von der Größe geschützt sind unter anderem Ersatzpflanzungen und Bäume, die nach einem Bebauungsplan gepflanzt wurden.

Ersatzpflanzung nach Anlage 2 der Satzung, gestaffelt nach dem Stammumfang des gefällten Baumes: bis 99 cm ein Ersatzbaum, 100–199 cm drei, 200–299 cm fünf, 300–399 cm sieben, 400–499 cm neun. Gefordert sind Hochstämme oder Stammbüsche mit 18/20 cm Stammumfang aus der Artenliste in Anlage 1. Bei Bauvorhaben ist die Staffel verbindlich, sonst Obergrenze für das Ermessen der Stadt. Ist eine Ersatzpflanzung unmöglich, wird eine Ausgleichszahlung fällig, die sich am Durchschnittswert der Listenbäume plus Pflanz- und Pflegepauschale bemisst. Mehr dazu im Ratgeber Ersatzpflanzung nach Fällgenehmigung.

Düsseldorf — ab 100 cm Stammumfang

Düsseldorf hat 2014 die Grenze von 80 auf 100 cm Stammumfang angehoben — eine Entscheidung, die damals unter erheblichem politischen Widerstand stand und bis heute Gegenstand von Nachjustierungen ist. Der Schutz umfasst alle Laubbäume plus Eibe und Waldkiefer. Ersatzpflanzungsformel gestaffelt: bis 200 cm Umfang ein Ersatzbaum, dann pro weitere 100 cm ein zusätzlicher. Zusätzlich: Ausgleichszahlung von 2.000 Euro pro nicht möglichem Ersatzbaum.

Essen — ab 120 cm Stammumfang

Essen hat mit 120 cm Stammumfang eine der liberalsten Grenzen unter den nordrhein-westfälischen Großstädten. Der Grund liegt in der industriellen Vergangenheit: In manchen Stadtteilen sind alte Laubbäume so selten, dass die Kommune keine großzügigen Schutzregeln durchsetzen konnte, ohne massenhaft Genehmigungen zu erzeugen. Die 120-cm-Grenze bildet einen praktischen Kompromiss.

Münster — Baumschutzsatzung seit Oktober 2023

Münster hat seit dem 1. Oktober 2023 eine Baumschutzsatzung, die im Innenbereich gilt (bebaute Bereiche und Gebiete mit Bebauungsplan). Geschützt sind einstämmige Bäume ab 100 cm Stammumfang in 1 m Höhe, außerdem bestimmte mehrstämmige Bäume, Baumgruppen und alle Ersatzbäume. Für jeden entfernten Baum ist mindestens ein Ersatzbaum mit 18/20 cm Stammumfang aus der städtischen Ersatzbaumliste auf demselben Grundstück zu pflanzen. Ist das aus besonderen Gründen nicht möglich, beträgt das Ersatzgeld 1.300 Euro je Baum.

Der Kölner Fall — Musterrechnung für Baumbesitzer

Nehmen wir eine typische Situation in Köln-Lindenthal: Eine alte Rotbuche im Vorgarten, Stammumfang 240 cm, soll gefällt werden, weil der Nachbar wegen Verschattung klagt und der Grundstückseigentümer aus Streitfrieden eine Fällung erwägt.

Erste Prüfung: Der Baum ist mit 240 cm klar über der 80-cm-Grenze — geschützt.

Zweite Prüfung: Verschattung ist kein Genehmigungsgrund. Die Kölner Baumschutzsatzung listet in § 4 die Fallgruppen abschließend auf: Verkehrssicherheit, Bauvorhaben mit rechtsverbindlicher Genehmigung, öffentliches Interesse, Standunsicherheit, keine wirtschaftliche Nutzbarkeit des Grundstücks mehr.

Dritte Prüfung: Wenn der Baum standunsicher wäre, wäre ein Sachverständigengutachten nach FLL-Baumkontrollrichtlinie nötig. Kosten: 300–800 Euro.

Angenommen, die Genehmigung wird versagt: Der Baum bleibt stehen. Der zivilrechtliche Konflikt mit dem Nachbarn muss anders gelöst werden — Anspruch auf Fällung wegen Verschattung besteht nach § 906 BGB nur in engen Grenzen (wesentliche Beeinträchtigung, Ortsüblichkeit, wirtschaftliche Zumutbarkeit).

Angenommen, die Genehmigung wird erteilt: Nach Anlage 2 der Kölner Satzung liegt ein Baum mit 240 cm Stammumfang in der Stufe 200–299 cm — Regelwert fünf Ersatzbäume (Hochstamm 18/20 cm). Ob die Stadt außerhalb von Bauvorhaben die volle Zahl festsetzt, liegt in ihrem Ermessen. Bei redaktionellen Orientierungswerten von 900 bis 2.500 Euro je Ersatzbaum inklusive Anwuchspflege kommen so schnell mehrere tausend Euro zusammen — zusätzlich zur Fällung. Den Regelwert für Deinen Baum zeigt der Assistent Ersatzpflanzung planen.

Wo die kommunale Satzung fehlt — trotzdem prüfen

Auch in Kommunen ohne allgemeine Baumschutzsatzung gibt es fast immer Teilbereichs-Regelungen:

  • Bebauungspläne (§ 9 Absatz 1 Nummer 25 BauGB) können Erhaltungsgebote für Einzelbäume oder Baumgruppen enthalten
  • Erhaltungssatzungen (§ 172 BauGB) in denkmalgeschützten oder ortsbildprägenden Quartieren
  • Grünordnungspläne als Teil von Bebauungsplänen mit Pflanzungs- und Erhaltungsauflagen
  • Grundstückskaufverträge mit dinglichem Baumschutz (Grunddienstbarkeit)

Die Praxisregel für NRW: Immer beim Umweltamt oder der Unteren Naturschutzbehörde des jeweiligen Kreises/der kreisfreien Stadt anfragen, bevor eine Fällung angesetzt wird. Auch wenn “keine Baumschutzsatzung” gilt, kann eine Vielzahl anderer Regelungen greifen. Kosten der Anfrage: null. Kosten der Verletzung: bis zu 50.000 Euro Bußgeld.

Bußgelder und Praxis der Verfolgung

Der Rahmen liegt in den meisten NRW-Kommunen bei bis zu 50.000 Euro. In der Praxis werden für die illegale Fällung eines geschützten Laubbaumes typischerweise 1.500 bis 5.000 Euro festgesetzt, plus:

  • Anordnung einer Ersatzpflanzung in doppelter Höhe der Regelmenge
  • Ausgleichszahlung bei Unmöglichkeit der Ersatzpflanzung
  • Strafrechtliche Verfolgung bei besonders schweren Fällen (Habitatbaum, Fledermausvorkommen, gewerbliches Handeln)

NRW-Städte wie Köln und Bonn haben in den letzten Jahren zusätzlich öffentliche Kommunikation als Instrument entdeckt: Nach illegalen Fällungen werden Namen und Anschriften der Verantwortlichen zwar nicht veröffentlicht, aber Presseerklärungen mit Bezirks- und Straßenangabe erzeugen erheblichen sozialen Druck. In wohlhabenden Villenlagen ein wirksameres Steuerungsmittel als das reine Bußgeld.

Vogelschutzzeit — bundesweit, aber in NRW streng ausgelegt

Vom 1. März bis 30. September dürfen nach § 39 Absatz 5 BNatSchG keine Gehölzflächen “abgeschnitten oder auf den Stock gesetzt” werden. Die Formulierung schließt Fällungen streng genommen nicht aus, wenn kein Brutgeschehen vorliegt. NRW-Kommunen legen § 39 aber zunehmend erweiternd aus: Insbesondere die Städte im Rheinland verlangen bei jeder Fällung in der Vogelschutzzeit einen artenschutzrechtlichen Nachweis, dass keine Nester, Höhlen oder Fledermausquartiere betroffen sind.

Praxis: Fällungen in der Vogelschutzzeit sind möglich, brauchen aber eine explizite artenschutzrechtliche Prüfung. Wer die “sichere Zeit” nutzen möchte, plant Fällungen zwischen 1. Oktober und 28./29. Februar.

Kommunen mit besonders strengen Regelungen (Auswahl)

  • Bonn — ab 80 cm Stammumfang, auch Obstbäume, striktes Bußgeldregime
  • Aachen — ab 80 cm, viele historische Alleen unter Zusatzschutz
  • Wuppertal — ab 80 cm, plus alle Bäume in Hanglagen (Standsicherheitsargument der Kommune)
  • Solingen — ab 60 cm, damit eine der strengsten Regelungen in NRW
  • Duisburg — ab 100 cm, aber Obstbäume ab 100 cm ausdrücklich einbezogen

Kommunen ohne oder mit sehr liberaler Satzung (Auswahl)

  • Paderborn — keine allgemeine Satzung, nur GLB (Geschützte Landschaftsbestandteile)
  • Bielefeld — ab 200 cm Stammumfang (praktisch: fast keine Bäume erfasst)
  • Siegen — keine allgemeine Satzung

Prüfstand dieser Seite: Die Angaben zu Köln und Münster haben wir am 04.11.2026 gegen die amtlichen Texte geprüft. Die übrigen Kommunenbeispiele werden derzeit nachgeprüft — verbindlich ist immer die aktuelle Satzung Deiner Stadt.

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Fazit

NRW ist kein Bundesland ohne Baumschutz — es ist ein Bundesland mit kommunal fragmentiertem Baumschutz. Für Grundstückseigentümer heißt das: Rechtsauskünfte aus dem Internet sind gefährlich, weil sie fast immer aus einer anderen Kommune stammen. Vor jeder Fällung eines Baumes über 60 cm Stammumfang gilt: Umwelt- oder Naturschutzamt der eigenen Stadt anrufen, verbindlich klären lassen. Das kostet fünf Minuten und schützt vor fünfstelligen Bußgeldern.


Quellen & Rechtsgrundlagen